Migration und Fluchtbewegungen

Barbara heuberger freie journalistin

Die Würde muss der Massstab sein

Migration wird durch eine verzerrte Brille betrachtet – und zwar keineswegs zufällig. Während die weltweiten Flüchtlingszahlen sinken, fährt die politische Rhetorik die Alarmstufe hoch: «Invasion», «Überfremdung», «Asylkrise». Wenn die Daten Entspannung zeigen und die Debatte Eskalation, dann nennt man das Agitation – gerichtet gegen die Schwächsten.

Die Zahlen widersprechen dem Krisennarrativ. (...)

Der Eindruck einer «Asylkrise» hält sich trotzdem: Ein Blick in die UNHCR-Statistik entzaubert ihn. Seit 1951 wurden immer mehr Staaten und Fluchtkategorien erfasst (...). Je mehr man zählt, desto grösser die Zahl. Das ist nicht ein Anstieg der Migration, sondern zunächst ein Anstieg der Buchhaltung.

Die entscheidende Frage lautet: Wer profitiert davon, dass wir Angst haben? Populistische Parteien; und private Firmen erzielen im Asylsystem Gewinne; Grenzregime kappen zirkuläre Migrationskreisläufe – und produzieren so erst jene Dauerhaftigkeit, die sie bekämpfen. Wo legale Wege fehlen, entstehen illegale – samt dem Geschäft der Schleuser. Dazu kommt eine historische Amnesie: Ohne Einwanderung aus Italien, Spanien, Jugoslawien oder Portugal gäbe es weder das Schweizer Gesundheitswesen noch den heutigen Wohlstand.

Wie es anders geht, zeigt das «Chancencenter» in Frankfurt (Oder): sofortiger Zugang zu Arbeit, Ausbildung und Spracherwerb statt jahrelanger Verwahrung. (...)

Die Verschärfungslogik setzt sich fort: in der Asylstrategie 2027 des Bundesrates wie im EU-Migrationspakt, der seit Juni 2026 gilt. Beschleunigte Verfahren klingen nach Effizienz, sind in Wahrheit aber Filterinstrumente – je schneller geurteilt wird, desto mehr Menschen fallen durchs Raster. «Return Hubs» ausserhalb der EU und die Ausweitung von Überwachung drohen zudem, das Kernprinzip der Genfer Flüchtlingskonvention auszuhöhlen.

Der Massstab ist die Würde: sofortige Arbeitsmarktintegration, Grundrechte ohne Ausnahme, Teilhabe. Abschreckung ist kein kluges, sondern ein teures Projekt. Migration lässt sich nicht stoppen – nur gefährlicher, teurer und brutaler machen.

Dabei ist die Solidarität längst da: Tausende engagieren sich täglich für Geflüchtete, und Studien zeigen, dass die Unterstützungsbereitschaft in der Bevölkerung deutlich grösser ist, als die Debatte vermuten lässt. Hetze und Hass sind nicht der Ausdruck der Gesellschaft. Sie sind ihre Verzerrung.

Die eigentliche Frage lautet: Beantworten wir Migration mit Würde oder mit Gewalt?


Literatur  «Es kommen die Richtigen - Klarstellungen zur aktuellen Schweizer Asylpolitik»  von Balthasar Glättli, 2024  Wieviele Menschen sollen in der Schweiz leben? Republik, 2025  «Migration: 22 populäre Mythen und was wirklich dahinter steckt» von Hein de Haas, Fischer Verlag, 2025  «Die Unerwünschten - Flucht Vertreibung und Exil» Edition Le Monde diplomatique 2026  «Migrationsland Schweiz - Mythen, Realitäten und Perspektiven» von Anija Ameti, Lisa Mazzone, Nadja Mosimann, Cédric Wermuth, Passcal Zwicky (Hrsg.), Edition 8 und Denknetz, 2026  Asyl ist kein Gnadenakt - es ist ein Menschenrecht: Dossier Asylrecht von humanright.ch

Über mich Das Thema Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Weg: Bereits als Kind brachten mich Ungerechtigkeiten auf die Palme. Später arbeitete ich viele Jahre für die Mediengewerkschaft SSM, wo ich für Medienpolitik zuständig war und mich für Arbeitnehmerrechte engagierte. Gleichzeitig war ich Präsidentin des Vereins Arbus, der Vereinigung für kritische Mediennutzung, die sich für unabhängige Information insbesondere den öffentlichen Rundfunk einsetzte. Als freie Medienjournalistin schrieb ich unter anderem Texte für das Medienmagazin «Klartext» , die «RadioZeitung», für den Berner «Bund» oder das «St. Galler Tagblatt». 

Später wechselte ich vom Thema Medien in das Thema Sozialpädagogik. Beim Verein «Integras» kümmerte ich mich um die Kommunikation und um Projekte rund um Heimkinder, dabei ging es unter anderem um das internationale Projekt «Quality4Children», die Rechte fremdplatzierter Kinder. Später war ich bei der «Pflegekinder-Aktion Schweiz» Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Netz». In dieser Zeit machte ich zudem viele Jahre Nachtdienste in einer Pension für psychisch kranke Frauen.

Auch heute arbeite ich als freie Journalistin zu den Themen Asyl, Menschen- und Kinderrechte: Ich schrieb Texte für die Wochenzeitung WoZ und für Fachzeitschriften. Ausserdem gründete ich den Verein «Gewaltfreie Erziehung» – mit dem Ziel, das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Schweizer Zivilgesetzbuch zu verankern. Im Sommer 2026 wurde dieses Ziel erreicht und der Verein aufgelöst.

Derzeit entsteht gemeinsam mit Fachleuten ein Buch über das Leben von Asylsuchenden in der Schweiz: «Entmenschlicht im Asylsystem». 

Was mich dabei immer begleitet: der Einsatz für Menschen, ihre Rechte und ihre Würde.