Migration und Fluchtbewegungen

Barbara heuberger freie journalistin

Die erfundene «Völkerwanderung»

Migration wird durch eine verzerrte Brille betrachtet – und zwar keineswegs zufällig. Während die weltweiten Flüchtlingszahlen 2025 sanken, fährt die politische Rhetorik die Alarmstufe hoch: «Invasion», «Überfremdung», «Asylkrise». Wenn die Daten Entspannung zeigen und die Debatte Eskalation, dann nennt man das Agitation – gerichtet gegen die Schwächsten.

Die Zahlen widersprechen dem Krisennarrativ. In der Schweiz und auch global sank die Zahl der Geflüchteten, sowieso bleibt die Mehrheit in den jeweiligen Nachbarländern der Krisenregionen – und kommt nicht nach Europa.

Der Eindruck einer «Völkerwanderung» hält sich trotzdem: Ein Blick in die UNHCR-Statistik entzaubert ihn. Seit 1951 wurden immer mehr Staaten und Fluchtkategorien erfasst – von 21 Ländern 1951 bis zu 216 im Jahr 2018. Je mehr man zählt, desto grösser die Zahl. Das ist nicht ein Anstieg der Migration, sondern zunächst ein Anstieg der Buchhaltung.

Die entscheidende Frage lautet: Wer profitiert davon, dass wir Angst haben? Private Firmen erzielen im Asylsystem Gewinne, und Grenzregime kappen zirkuläre Migrationskreisläufe – und produzieren so erst jene Dauerhaftigkeit, die sie bekämpfen. Wo legale Wege fehlen, entstehen illegale – samt dem Geschäft der Schleuser. Dazu kommt eine historische Amnesie: Ohne Einwanderung aus Italien, Spanien, Jugoslawien oder Portugal gäbe es weder das Schweizer Gesundheitswesen noch den heutigen Wohlstand.

Wie es anders geht, zeigt das «Chancencenter» in Frankfurt (Oder): sofortiger Zugang zu Arbeit, Ausbildung und Spracherwerb statt jahrelanger Verwahrung. Leider koppelt Brandenburgs Sozialminister Wilke diese Integration an ausgeweitete Abschiebungen – etwa nach Afghanistan. Ein Chancencenter, das zum Feigenblatt wird, untergräbt seinen eigenen Anspruch.

Die Verschärfungslogik setzt sich fort: in der Asylstrategie 2027 des Bundesrates wie im EU-Migrationspakt, der seit Juni 2026 gilt. Beschleunigte Verfahren klingen nach Effizienz, sind in Wahrheit aber Filterinstrumente – je schneller geurteilt wird, desto mehr Menschen fallen durchs Raster. «Return Hubs» ausserhalb der EU und die Ausweitung von Überwachung drohen zudem, das Kernprinzip der Genfer Flüchtlingskonvention auszuhöhlen.

Der Massstab ist die Würde: sofortige Arbeitsmarktintegration, Grundrechte ohne Ausnahme, Teilhabe. Abschreckung ist kein kluges, sondern ein teures Projekt. Migration lässt sich nicht stoppen – nur gefährlicher, teurer und brutaler machen.

Dabei ist die Solidarität längst da: Tausende engagieren sich täglich für Geflüchtete, und Studien zeigen, dass die Unterstützungsbereitschaft in der Bevölkerung deutlich grösser ist, als die Debatte vermuten lässt. Hetze und Hass sind nicht der Ausdruck der Gesellschaft. Sie sind ihre Verzerrung.

Die eigentliche Frage lautet: Beantworten wir Migration mit Würde oder mit Gewalt?

Literatur  «Es kommen die Richtigen - Klarstellungen zur aktuellen Schweizer Asylpolitik»  von Balthasar Glättli, 2024  Wieviele Menschen sollen in der Schweiz leben? Republik, 2025  «Migration: 22 populäre Mythen und was wirklich dahinter steckt» von Hein de Haas, Fischer Verlag, 2025  «Die Unerwünschten - Flucht Vertreibung und Exil» Edition Le Monde diplomatique 2026  «Migrationsland Schweiz - Mythen, Realitäten und Perspektiven» von Anija Ameti, Lisa Mazzone, Nadja Mosimann, Cédric Wermuth, Passcal Zwicky (Hrsg.), Edition 8 und Denknetz, 2026  Asyl ist kein Gnadenakt - es ist ein Menschenrecht: Dossier Asylrecht von humanright.ch

Über mich Menschenrechte ziehen sich wie ein roter Faden durch meinen beruflichen Weg: Zehn Jahre arbeitete ich für die Mediengewerkschaft SSM, wo ich für Medienpolitik und Arbeitnehmerrechte zuständig war. Gleichzeitig war ich Präsidentin des Vereins Arbus, der Vereinigung für kritische Mediennutzung.

Später wechselte ich vom Thema Medien in die Sozialpädagogik. Für den Verein Integras war ich für Kommunikation und Projekte rund um Heim- und Pflegekinder zuständig. Danach war ich bei der Pflegekinder-Aktion als Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Netz» tätig. In dieser Zeit machte ich zudem Nachtdienste in einer Pension für psychisch kranke Frauen.

Bis heute arbeite ich als freie Journalistin zu den Themen Asyl, Menschen- und Kinderrechte. Derzeit entsteht gemeinsam mit Fachleuten ein Buch über das Leben von Asylsuchenden in der Schweiz. Ausserdem gründete ich einen Verein für gewaltfreie Erziehung – mit dem Ziel, das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Schweizer Zivilgesetzbuch zu verankern. Im Sommer 2026 wurde dieses Ziel erreicht.

Was mich dabei immer begleitet hat: der Einsatz für Menschen, ihre Rechte und ihre Würde.